aus dem Roman: „Die Schatten von Westkreuz“

Prolog

Er bewegt sich nicht. Ich muss mich durch die anderen Schaulustigen drängeln, um ihn genauer zu sehen.
Da liegt er, ganz still.
Blut sickert langsam unter seinem Kopf hervor, kleine Rinnsale verlaufen über die Gehwegplatte wie Bäche in einer Miniaturlandschaft.
Ich sehe nur zu. Um mich herum geht ein Raunen durch die Menge. Ich aber, ich fühle nichts. Kein Mitleid, kein Schock …
Ich starre auf diesen hässlichen blonden Schädel. Die Brille hängt ihm schief im Gesicht. So sieht er fast aus wie ein kleiner, dummer Junge. Mein rechter Mundwinkel verzieht sich nach oben.
So klein bist du also … du kleiner, blöder Wichser.
Wiebke fängt an zu plärren.
„Jan! Oh mein Gott, Jan!“
Sie kniet sich neben ihn. Die anderen stehen ratlos und besorgt im Kreis.
Ich wende mich ab.
Ein Blick in diese dummen, geschockten Gesichter erfüllt mich mit Genugtuung.
Ein warmes Gefühl von Macht durchströmt mich.
Sollte ich besorgt sein? – Nein.
Fühle ich überhaupt irgendetwas?
Mitleid? – Nein. Rache ist süß.
Und er hat es verdient.

Erst zwei Stunden später, auf dem Heimweg – es wird gerade dunkel – jetzt beginnt die Zeit der Einsamkeit. Mir kriecht ein Schauer über den Rücken.
„Fenja, du hast ihn umgebracht!“ flüstert eine Stimme in mir.
Hab ich das? Wirklich?
Ich rechtfertige mich vor meiner inneren Stimme:
Er hat den Kleinen gezwungen, die Cola zu trinken.
Ich habe genau gesehen, was er vorher damit gemacht hat.
Ich musste eingreifen. Hätte das nicht jeder getan?

Vielleicht. Aber bestimmt nicht so!
Ich gehe die Szene noch einmal im Kopf durch.
Dabei spüre ich dieses vertraute Kribbeln. Es kämpft sich tief aus meinem Inneren nach oben, bis hinter meine Augen. Es kribbelt in dem Raum zwischen meiner Nase und den Augen. Ich spüre ein leichtes Brennen, als würden sich gleich Tränen bilden. Ich blinzle die Feuchtigkeit weg, und plötzlich fühlt es sich an, als könnte ich mit den Augen Löcher durch Wände bohren. Ja, ich spüre es genau, es ist noch da. Diese Energie.
Da schlummert etwas in mir.
Einerseits bin ich fasziniert, was ich damit bewirken kann.
Andererseits habe ich Angst davor.
„Es ist ein Geben und Nehmen“, höre ich Herrn Stein.
Jetzt habe ich vielleicht jemandem das Leben genommen.
Aber was muss ich dafür geben?
Miau!
Daisy springt plötzlich aus einer Ecke hervor und reißt mich aus meinen Gedanken. Ich schrecke zurück.
„Miiiiauuu“, krächzt sie leise. Ihre Augen bohren sich in meine.
Drei Meter vor mir setzt sie sich hin.
Direkt in meinen Weg.
Ihr Schwanz beginnt sich langsam um ihren Körper hin und her zu winden – das Zeichen, dass sie schlecht drauf ist.
Ich bleibe stehen. Zögere. Bewege mich nicht.
Sie starrt mich an.
Wenn jemand diese Szene beobachten würde, würde er bestimmt lachen.
Das große Mädchen hat Angst vor einem kleinen Kätzchen. Pah!
Aber er weiß ja nicht, dass wir sie vor einigen Wochen beerdigt haben.

der Staatsratsvorsitzende und andere Gestalten

Der Gemeindesaal war riesengroß, da passten bestimmt hundert Leute rein. An den Wänden hingen große Gemälde von irgendwelchen Politikern. Obwohl der Saal für mich verboten war, zeigte Opa ihn mir einmal. Er stellte mir die Personen auf den verschiedenen Gemälden vor. Als Geschichtslehrer hatte er ein unglaubliches Wissen und versuchte, mir immer etwas beizubringen. Das interessierte mich zwar nicht die Bohne, aber ich wollte ihn nicht enttäuschen und tat so, als würde es mich interessieren.
An der Längsseite, zwischen den beiden Türen, hingen drei Gemälde. Auf dem einen war Ernst Thälmann, auch „Teddy“ genannt. Der war mir der sympathischste von allen und guckte fast freundlich. Daneben hing Walter Ulbricht. Teddy und Walter waren wohl schon tot. Der andere war Erich Honecker, unser Staatsoberhaupt. Opa sagte immer „Staatsratsvorsitzender“, aber das klang komisch. Auf der anderen Seite hingen Marx, Engels und Lenin. Auch längst tot. Die drei kannte ich von den Büchern aus Opas Arbeitszimmer. Am meisten mochte ich Karl Marx. Ich fand, der sah aus wie mein Opa, genauso dick und knuddelig, nur eben mit Bart. Außerdem hieß er fast so wie mein Lieblingsschriftsteller Karl May. Die drei hatten sogar mehr Bücher als Karl May geschrieben, aber die waren bei Weitem nicht so spannend – also eher überhaupt nicht. Ich hatte es mal heimlich in Opas Arbeitszimmer versucht, aber ich verstand kein Wort.

Obwohl ich den Saal nicht betreten durfte, musste ich auf der Flucht vor den Monstern aus meinen Träumen sehr oft hindurch. Ich schlüpfte über den staubigen Hausflur durch die eine Tür des Saales, die Opa offensichtlich vergessen hatte abzuschließen, und lief vorbei an Teddy, Walter und Erich Honecker. Die drei verfolgten mich still mit ihren Blicken. Manchmal hüpften sie aus ihren Gemälden und folgten mir. Das Gruselige war, dass, wenn man in Wirklichkeit an diesen Gemälden vorbei läuft, sie einen wirklich die ganze Zeit anstarren. Egal in welcher Ecke des Saales man steht – es ist, als würden sie ihre Köpfe drehen. Deshalb ging ich sehr ungern in diesen Saal und fand das Verbot, ihn zu betreten, nicht so schlimm.

nach dem Albtraum

Ich liege da, ganz starr, mit einem dicken Kloß im Hals, der mir die Kehle zuschnürt, unfähig, mich zu bewegen. Ich prüfe bewegungslos, ob es im Zimmer irgendetwas gibt, was da nicht hingehört. Ich spüre, wie etwas hinter mir ist – aber ich traue mich nicht, mich umzudrehen. Denn dann würde ich es sehen.
Und es würde mich sehen…Und ich hätte die absolute Gewissheit, die ich nicht haben möchte.

Ist das Rassismus?

„Hey!“ ruft Jan einem kleinen, schwarzen Jungen zu. Seit ein paar Wochen sind ein paar Flüchtlinge an unserer Schule – vier. Ein Mädchen und ein Junge, etwa in meinem Alter, und zwei Erst- oder Zweitklässler. Ja, zugegeben, sie fallen auf.
Ich finde es tatsächlich auch komisch, schwarze Menschen zu sehen. Ich versuche immer, nicht hinzu starren. Den anderen scheint es aber nichts auszumachen. Das ist mir unangenehm. Wie wohl die Kids sich dabei fühlen?

Natürlich kommen sie, auffällig wie sie sind, nicht an Jan und seiner Clique vorbei. Einen von den Kleinen hat sich die Gruppe jetzt ausgesucht. Verunsichert bleibt er stehen und schaut sich um. Niemand ist bei ihm.
Energisch winkt Jan ihn zu sich.
„Hey Kleiner, willst du ne Cola?“
Der Junge sieht Jan fragend an, läuft aber auf ihn zu. Oh nein!
„COOOOLA!!!“, wiederholt Jan übertrieben lang und hält eine Dose hoch.
Der Junge nickt vorsichtig. Jan reicht ihm die Dose. Jetzt strahlt der Kleine. Die weißen Zähne blitzen bis zu mir.
„Triiinken!“, sagt Jan auffällig langsam und führt seine Hand mit einem imaginären Becher zum Mund. Die anderen grinsen.
Ich habe nicht vor, mich da einzumischen. Aber der Kleine tut mir leid. Was haben sie vor?
Der Junge ahnt noch nichts. Strahlend nimmt er die Dose entgegen und öffnet sie.
ZISCHHHHH – der Schaum spritzt ihm ins Gesicht.

Na klar, die Schüttelaktion!

Die Clique brüllt vor Lachen.
Beschämt lässt der Junge, mit tropfendem Gesicht, die Dose fallen und trottet davon.
Ich schließe mein Fahrrad wieder an. Der Appetit auf ein Käsebrötchen ist mir vergangen.
Während der Mathestunde denke ich darüber nach:
Was war das gerade? Warum machen sich Neunt- oder Zehntklässler über so einen kleinen Jungen lustig? Er ist doch neu hier und hat ihnen nichts getan. Und überhaupt – mit seinen dunklen Augen und dem wuscheligem Haar ist er eigentlich total süß.

Und auf einmal – es trifft mich wie ein Schlag – ich begreife es. Das war also der Ausländerhass, von dem Mama immer erzählte. DAS meinte sie mit „falschen Freunden“!

Und in dem Moment, in dem ich es verstehe, schäme ich mich. Tief. Ganz tief.

opfern

Nimm die Katzen!
Wer oder was auch immer du bist – ich gebe dir beide. Aber bitte … verschone unsere Familie!

Ich liebte die beiden Katzen. Es fiel mir unendlich schwer. Über zehn Jahre hatte ich mir ein Haustier gewünscht – und jetzt sollte ich sie opfern?
Aber mir blieb keine Wahl.
Wie in Trance ging ich danach auf mein Zimmer, fiel ins Bett und schlief bis zum nächsten Morgen durch.
Als ich aufwachte, fühlte ich mich schlecht. Ich hatte Fieber.
Da ich nicht zum Frühstück hinunter kam, kam Mama nach oben. Sie erschrak – ich musste völlig überhitzt gewesen sein. Aber so ersparte ich mir wenigstens die Diskussion, ob ich wirklich krank war.
Einerseits passte das ganz gut: So konnte ich später erklären, warum ich gestern den Sportunterricht geschwänzt hatte.
Als alle aus dem Haus waren, fiel ich erneut in einen tiefen, -traumlosen Schlaf.
Ich wachte erst wieder auf als Papa von der Arbeit kam. Er kam zu mir aufs Zimmer. „Wie geht es Dir?! Besser! Und das war auch der Fall, Abends konnte ich wieder unten mit den anderen zu Abend essen.

„Mama, Tommy kommt nicht!“, rief Moritz vor der Haustür. Es war 20 Uhr – da sollten die Katzen eigentlich längst drinnen sein.
Daisy war da … Tommy nicht.
„Ach, der jagt bestimmt noch ein paar Mäuse“, sagte Papa und tätschelte Alex den Kopf.
Ich wusste es besser.

ein Vertrauter?

„Fenja! Du bleibst bitte am Platz.“
Ich schluckte. Seine Stimme überdröhnte die Klingel.
Einige Schüler drehten sich zu mir, als hätte ich irgendetwas ausgefressen.
Dann verließen sie den Raum.
Als der letzte Schüler verschwunden war, ging Herr Stein zur großen Holztür, die in die Freiheit führte, und schloss sie.
Klack.
Er ging zurück, lehnte sich lässig ans Lehrerpult, schlug die Beine übereinander und schaute mich an.
Seine grünen Augen trafen mich. Tief, durchdringend. Obwohl ich hinten saß.
„Was ist los mit dir?“, fragte er.
„N… nichts. Was soll sein?“
„Hast du Probleme mit dem Stoff?“
„Kann… sein.“
„Oder ist es deine Klasse?“
Ich zuckte zusammen. Was sollte ich ihm erzählen? Was weiß er bereits? Und außerdem, was ging ihn das an? Er konnte ja eh nichts ändern… außerdem hatten die offenen Hasstiraden meiner Mitschüler längst nachgelassen. Jetzt, wo mich alle behandelten, als wäre ich eine Hexe… was mir zugegebenermaßen gefiel.
Er schaute immer noch. Hatte er meine Gedanken gerade gelesen? Ich spürte, wie ich rot wurde. Ich umfasste die Tischkante und hielt mich daran fest, so dass meine Fingerknöchel weiß hervortraten. Ich riss mich von seinem Blick los und schaute auf meine bemalte Federtasche. Bleib stark! Jetzt bloß nichts zugeben oder heulen!
Noch nie hatte sich jemand danach erkundigt, wie es mir in der Schule geht oder ob ich mit meinen Mitschülern klar kam. Aber jetzt…
Er fragte nicht weiter. Beobachtete mich nur. Die Stille dröhnte in meinen Ohren. Er bohrte nicht weiter nach, trotzdem hatte ich das Gefühl, er wusste längst alles.
„Wie machst du das?“, fragte er plötzlich.
Seine Stimme riss mich aus meinen Gedanken. „Was?“
„Nun, ich merke, hier gibt es Spannungen zwischen dir und deinen Mitschülern… aber wie machst du das?“
„Wie mache ich was?“
„Nun, sie lassen dich in Ruhe, und ich hoffe, ich schätze das nicht falsch ein… also: Was hast du getan?“
„Ich… ich weiß nicht… “, log ich.
Er kam näher heran. Nun stand er mir direkt gegenüber. Nur der Tisch trennte uns voneinander. Er zog einen Stuhl an sich heran und setzte sich. Er schaute mich direkt an. Ich versuchte, seinem Blick standzuhalten. Auch wenn alles in mir schrie: Hau ab! Offenbar war er mit meiner Antwort nicht zufrieden. Meine Finger pulten nervös an der Tischkante.
„Ich… ich kann das nicht genau sagen. Ich war neu hier an der Schule und geriet irgendwie an diese Clique, in der die Hälfte meiner Klasse ist…
Aber die sind… na ja, anders… oder ich…“
„Ja“, meinte er nur. „Stimmt.“
Dann:
„Warum Magie?“
Mein Spiel an der Tischkante stockte. Ich sah das tiefe Grün seiner Augen und wurde von ihnen erfasst wie von einem Strudel. In meinem Kopf begann sich alles zu drehen.
Hatte er das gerade wirklich gefragt?
„Was?“
Seine Stimme war ruhig. Wie immer.
Ich antwortete nicht.
Er lachte leise. Aber freundlich – kein Spott.
„Ich möchte dir nicht zu nahe treten… aber weißt du, was du da um den Hals trägst?“
„Ähm… ich denke schon.“
„Manchmal kann das großen Schaden anrichten, weißt du…?“
Ich erstarrte. Himmel, was weiß er?